Die Geschichte von Jumping Mouse

Dies ist die Geschichte einer kleinen grauen Maus. Eigentlich war sie eine Maus wie alle anderen. Mag sein, dass ihre Neugier etwas größer war. Aber davon abgesehen, sah sie aus wie alle anderen Mäuse, tat was alle Mäuse tun. Mäusegeschäfte. Sie kam morgens aus dem Bau wo sie mit ihren Eltern, Geschwistern, Onkeln, Tanten und Cousins lebte. Es war ein weit verzweigter Bau im Schutze einer dicken Wurzel eines mächtigen Baumes, der in einem großen Walde stand.

Der Sommer war kurz und es gab so viel zu tun. Kerne sammeln. Beeren sammeln. Polstermaterial für die Höhle sammeln. Emsig lief sie wie alle Mäuse auf dem Waldboden herum, immer auf der Hut vor den vielen, schrecklichen Feinden, die so eine Maus hat. Füchse, Marder, Schlangen. Raubvögel aller Art und Größe. Immer wieder erwischte es eine Maus aus der Familie und der einzige Schutz war ihre große Zahl und ihre Schnelligkeit. Wenn so ein Feind im Anzug war, stoben sie alle auseinander und verkrochen sich so gut und schnell sie nur konnten. Die kleinen Herzen rasten dann wie wild in den schmalen Brüsten, die Barthaare zitterten und alle verhielten sich still, bis die Luft wieder rein war. Dann kamen sie aus ihren Verstecken unter Blättern, Ästen und Pilzen hervor und gingen wieder ihren Mäusegeschäften nach.

Unsere kleine Maus hatte zu dieser Zeit noch keinen Namen. Mäuse kennen sich untereinander am Geruch, wenn sie zur gleichen Familie gehören. Das ist ganz einfach: Familie oder nicht Familie, das reicht völlig. Familie darf in die Höhle rein, andere werden verjagt. Das ist in allen Mäusebauen so, das ist normal.

Der Tag war ein Frühsommertag wie jeder andere. Emsig waren alle Mäuse mit suchen und sammeln beschäftigt. Unsere Maus war an diesem Tag etwas verträumt. Die älteren Mäuse hatten sie schon angeraunzt:

„Mach zu, glaubst du etwa der Sommer dauert ewig. Was willst du im Winter fressen, wenn du hier vor dich hinträumst. Mach zu, mach zu.“

Aber an diesem Tag war unsere Maus in eine etwas andere Richtung getrippelt. Mäusen sehen ja nicht sehr weit und wenn sie da unten auf dem Waldboden rumlaufen, sieht alles sehr ähnlich aus. Etwas war merkwürdig. Sie hörte etwas. Sie stupste ihren Bruder an, der neben ihr den Boden absuchte.

„Sag mal, hörst du das?“

„Was soll ich hören“, antwortete der, „sieh zu, dass du noch ein paar Körner findest, statt Vorträge zu halten.“

„Aber da ist dieses Geräusch, hör doch.“

„Lass mich in Ruhe, ich bin beschäftigt, siehst du das nicht?“

Unsere Maus lies ihre kleinen Ohren spielen und stellte fest, dass dieses Geräusch aus einer bestimmten Richtung kam. Sie war fasziniert. Sie wollte wissen was dieses Geräusch zu bedeuten hatte. Vorsichtig sich trippelte sie in die Richtung, aus der das Geräusch kam.

„Ho, ho, wen haben wir den hier?“ Hörte sie plötzlich eine Stimme hinter sich, „dich habe ich hier ja noch nie gesehen.“

Unsere Maus zuckte zusammen. Hinter ihr stand ein riesiges Tier. Es hatte eine spitze Schnauze, ein graues Fell mit dunklen Streifen und blitzende Augen. Es hatte zierliche kleine Vorderpfoten, in denen sie eine Wurzel hielt.

„Ich, äh, ich bin Maus und wer bist du?“

„Ich bin Waschbär, du Maus, was machst du hier?“

„Ich höre da dieses Geräusch, weist du was das ist?“

„Ach das, das ist der Fluss.“

„Fluss?“

„Na klar, da gehe ich gerade hin, um meine Wurzel zu waschen. Wascht ihr Mäuse etwa nicht euer Futter? Komm mit, ich zeigt dir den Weg.“

Das Geräusch wurde lauter und lauter. Plötzlich sah sie etwas, was sie nie zuvor gesehen hatte. Das Wasser vom Himmel fallen konnte das wusste sie. Hier aber war eine Unmenge von Wasser direkt vor ihr auf dem Boden. Es sah gefährlich aus, es bewegte sich schnell und schäumte. Die Bäume des Waldes reichten nicht ganz bis an das Ufer und über das Wasser hinweg konnte man den Horizont sehen. Waschbär wusch seine Wurzel im Wasser und achtete nicht weiter auf unsere Maus.

Unsere Maus lief ein kleines Stück am Ufer entlang, hin und her gerissen von diesem gewaltigen Schauspiel. An einer Stelle gab es eine kleine Bucht, wo das Wasser sehr ruhig floss. Auf dem Wasser schwammen große runde Blätter und dazwischen wiegten sich weiße Blüten auf langen Stängeln knapp über dem Wasser.

Da hörte sie:

„Hallo Maus!“

Unsere Maus schaute sich um. Es war niemand zu sehen. Dann sah sie noch einmal genau hin und staunte nicht schlecht, als sie auf einem dieser Blätter ein merkwürdiges Wesen sitzen sah. Es war grasgrün. Die langen Beine hatten merkwürdige Finger mit Verdickungen an den Enden. Es hatte große Augen und ein breites Maul. Die großen Augen fixierten unsere Maus und das breite Maul bewegte sich.

„Hey du Maus, du bist gemeint!“

„Ja …?“

„Wie heißt du Maus?“

„Ich, ich weis nicht, ich habe keinen Namen …“

„Schau, ich bin Frosch Regenmacher, so heiße ich und du musst doch auch einen Namen haben.“

„Bei uns hat keiner einen Namen und ich auch nicht.“, antwortet unsere Maus trotzig.

„Ach so“, sagte dann Frosch Regenmacher, „willst du den einen Namen haben?“

„Einen Namen? Für mich? Ja …“

„Dann mach dich mal ganz klein, und dann, springst du so hoch du kannst!“, sagte Frosch Regenmacher.

Unserer Maus kam das alles sehr merkwürdig vor. Aber hier war dieser Frosch Regenmacher und der sagte mal etwas anderes als: „Mach zu, sammele Kerne, mach zu.“

Na gut, dachte sich unsere Maus, machte sich ganz, ganz klein und sprang mit aller Kraft so hoch sie nur konnte. Sie flog mit aufgerissenen Augen so hoch wie nie und fiel, platsch, mit dem Bauch voraus in das Wasser neben dem Seerosenblatt auf dem Regenmacher saß. Sie ging unter, strampelte um ihr Leben und konnte mit Müh und Not das Ufer erreichen. Sie war nass, sie zitterte und sie war wütend wie noch nie.

Sie zeterte und schrie aus voller Lunge Frosch Regenmacher an, was er sich den dabei gedacht hätte. Der Frosch hörte einfach nur zu und als sich unsere Maus beruhigt hatte sagte er nur:

„Was hast du gesehen Maus?“

„Was soll ich denn gesehen haben?“

„Als du ganz hoch oben warst, was hast du am Horizont gesehen?“

Unsere Maus erinnerte sich, da war weit weg etwas gewesen, hoch, mächtig, in blauen Dunst gehüllt. Es war so fern und doch so vertraut. Als würden sie mit einer tiefen, wohlklingenden Stimme rufen, nach ihr, der Maus.

„Du meinst …“

„Ja, genau“, sagte Frosch Regenmacher, „du hast die heiligen Berge gesehen. Und jetzt hast du auch einen Namen: du heißt Jumping Mouse.“

Jumping Mouse vergaß völlig, dass sie patschnass war. Sie hatte einen Namen. Und sie hatte die heiligen Berge gesehen. Die Berge hatten sie gerufen.

So schnell sie konnte lief sie zurück wo sie hergekommen war. Sie fand den Weg zu ihrem Bau. Als sie dort ankam wichen alle ihre Mäuseverwandten vor ihr zurück. Jumping Mouse rief:

„Ich habe einen Namen, ich heiße Jumping Mouse und ich habe die heiligen Berge gesehen.“

Die Mäuse sahen sie starr an. Diese Maus war irre geworden. Eine erfahrene, alte Maus rief:

„Haltet euch fern, sie ist giftig. Schaut, die Schlange hat sie verschluckt und wieder ausgespuckt, sie ist noch ganz nass.“

Alle Mäuse wichen zurück. Jumping Mouse stand plötzlich allein da. Eben war sie noch ganz stolz auf ihren Namen gewesen und nun hatte sie keine Familie mehr. Keine Maus wollte noch etwas mit ihr zu tun haben. Mit hängendem Schwanz und Ohren trippelte sie in den Wald hinaus, weg vom Bau, weg aus ihrer Heimat, weg von allem was sie kannte.

Sie lief einen weiten Weg durch den Wald bis dieser lichter und lichter wurde. Dann hörte der Wald auf und sie sah eine weite, grasbestandene Fläche so weit das Auge reichte. Der blaue Himmel wölbte sich und weit hinten konnte sie am Horizont die blauen Berge ihrer Sehnsucht sehen.

Der hohe Himmel ängstigte sie. Sie kannte dieses Licht nicht, dieses Blau. Vor allem aber machten ihr die schwarzen Punkte, die am Himmel kreisten Angst. Sie konnten nichts Gutes bedeuten. Sie wusste, das sind die Raubvögel, die ihre Verwandten getötet hatten und auch sie fressen würden. Aber das weite Grasland bot kaum Deckung. Sie konnte jederzeit gesehen werden und es wäre das Ende ihrer Reise.

Vom Waldrand konnte sie etwas weiter entfernt einen großen Busch sehen. Sie überlegte sich, dass es möglich sein müsste, diesen Busch zu erreichen, um dann von dort weiter zu kommen. Gedacht, getan, sie nahm ihre Pfoten unter den Arm und rannte so schnell sie konnte zu dem wilden Salbeibusch. Sie kam völlig außer Atem an.

„Ja, Jungchen, wen haben wir den hier? Ist ja schön das du mich besuchst, kommen nicht viele vorbei hier.“

Jumping Mouse blinzelte und sah eine dicke alte Maus vor sich sitzen.

„Schau“, sagte die dicke Maus, „hier ist Platz für uns beide. Es gibt reichlich Futter und die Raubvögel da oben können uns nicht sehen.“

„Ja, aber ich will zu den heiligen Bergen da hinten.“

„Paper la papp“, sagte dicke Maus, „du hast ja nichts auf den Rippen. Wie willst du da durch die Prärie kommen. Das hier ist der letzte Busch und die Raubvögel da oben freuen sich über jede Maus, die sie kriegen können.“

Jumping Mouse war ja schon froh, dass dicke Maus nicht wieder mit dieser „von der Schlage ausgespuckt“ Geschichte anfing. Ihr Fell war ja wieder trocken und Hunger hatte sie auch. Nun ja, dachte sie, dann mache ich hier erst mal eine Pause. Wir werden schon sehen.

Jumping Mouse futterte sich Kraft an und ruhte sich aus. Aber nach einiger Zeit begannen die heiligen Berge wieder nach ihr zu rufen. Sie hörte die tiefe dunkle Stimme, die ihren Namen rief, die diese Sehnsucht weckte nach etwas, was sie nicht hätte benennen können. In einer sternenklaren Nacht, als sie sich etwas weiter von dem Busch entfernt hatte, hörte sie ein ungewohntes Geräusch. Als sie in die Richtung lief, ahnte sie mehr als sie sah, ein riesiges Tier. Ein schwerer Kopf mit Hörnern lag auf der Erde. Die Nüstern blähten sich, der Atem des riesigen Tiers ging schwer und stockend. Was für ein großes, mächtiges Tier dachte sich Jumping Mouse, ob es wohl krank ist?

„Hallo“, rief Jumping Mouse, „wer bist du? Bist du krank?“

Der Atem stockte kurz und tief aus der riesigen Brust kam eine dunkle Stimme, die sagte:

„Ich bin Büffel und ich bin sehr krank.“

„Was fehlt dir den Büffel, kann ich helfen?“

„Die Krankheit, die ich habe, kann nur durch das Auge einer Maus geheilt werden, aber wer soll mir das geben?“

Jumping Mouse erschrak bis in die Schwanzspitze. Ein Auge? Einer Maus? Ihre Gedanken rasten. So ein mächtiges Tier. Ein Auge. Ich habe ja zwei. Wenn ich dieses mächtige Tier retten könnte … und plopp, wurde plötzlich das Sichtfeld etwas enger. Jumping Mouse wusste noch nicht so recht was geschehen war, als sie die tiefe, dunkle Stimme des Büffels hörte:

„Jumping Mouse, du hast mir ein Auge gegeben, was hast du nur für ein großes Herz. Was kann ich für dich tun, was machst du hier draußen?“

„Ja nun, ich will zu den heiligen Bergen, aber da sind diese Raubvögel und ich fürchte mich vor ihnen.“

„Was ich für dich tun kann, Jumping Mouse“, sagte der Büffel, „ich kann dich zum Fuß der Berge begleiten. Wenn du unter mir läufst, dann können dich die Vögel nicht sehen und du bist sicher.“

So durchquerte Jumping Mouse im Schatten des mächtigen Büffels sicher die Prärie bis zum Fuß der heiligen Berge. Dort angelangt sagte der Büffel:

„Hier beginnt der Wald und hier kann ich dich nicht mehr begleiten. Gehe dort hinein und suche den weißen Wolf. Der wird dir den weiteren Weg zeigen, bis zum See der Heilung, der sich dort oben in den heiligen Bergen befindet. Dort wirst du auch dein Auge wiederbekommen.“

Jumping Mouse verabschiedete sich vom Büffel und machte sich auf den Weg. Sie lief lange durch den Wald in Richtung der Berggipfel. An einer Stelle hörte sie ein keuchendes Atmen. Als sie näherkam, sah sie dort ein zusammengekauertes Tier mit weißem Fell. Der Kopf wackelte hin und her, die Augen waren blicklos.

Jumping Mouse näherte sich vorsichtig:

„Hallo, bist du der Wolf?“

Stotternd und wirr antwortete das Tier:

„Wolf? … ja, ja, ich bin der, äh, Wolf …“

„Bist du krank?“, fragte Jumping Mouse.

„Krank? … ja, ja, der Wolf … ich bin … krank …“

Jumping Mouse dachte nach. Wie kann ich diesem schönen, großen Tier helfen? Wenn ich nur wüsste, was ich tun kann, damit es wieder gesund wird. In dem Augenblick mache es – plopp und die Welt um Jumping Mouse wurde dunkel. Sie sah nichts mehr. Sie war starr vor Schreck. Dann spürte sie einen warmen Atem über ihr Fell streichen und hörte die Stimme des weißen Wolfes:

„Jumping Mouse, was hast du kleine Maus nur für ein großes Herz. Du hast mir dein einziges Auge gegeben, sag mir, was kann ich für dich tun?“

„Ich wollte zu den heiligen Bergen und den See der Heilung, flüsterte sie, aber ich kann nichts mehr sehen.“

„Halte dich ganz ruhig, du tapfere Maus, ich nehme dich ins Maul und trage dich zu Ufer des Sees der Heilung. Dann brauchst du nur in das Wasser zu tauchen und wirst wieder heil.“

So trug der weiße Wolf Jumping Mouse ganz vorsichtig durch den Wald den Berg hinauf. Oben zwischen den höchsten Gipfel der heiligen Berge lag in einer weiten Mulde der See der Heilung. Sein Wasser war von kristallener Klarheit, in dem sich der strahlende Himmel spiegelte. Auf der Oberfläche funkelten kleine Wellen von einem sanften, nach Bergblumen duftenden Wind bewegt. Feiner weißer Sand säumte die Ufer. Dort, wo sich Wasser und Sand berührten, legte der weiße Wolf Jumping Mouse vorsichtig auf den Sand.

„Vor dir liegt der See der Heilung Jumping Mouse. Ich muss jetzt wieder umkehren, damit auch andere den Weg hierher finden.“

Da lag nun Jumping Mouse blind und hilflos am Ufer des Sees der Heilung. Sie hörte das Wasser, spürte den sanften, duftenden Wind um ihre Nase. Sie ahnte den hohen gewölbten Himmel über sich. Und die Adler, die dort oben kreisten.

Sie ahnt den Raubvogel, hört das Rauschen der Schwingen, fühlt den tödlichen Schlag.

Dann hört sie Frosch Regenmacher, der sie ruft:

„Jumping Mouse – mach dich ganz klein und spring so hoch du kannst!“

Und sie springt so hoch sie kann, ein letztes Mal.

„Jumping Mouse – mach die Augen auf!“

Da öffnet Jumping Mouse die Augen.

Sie sieht tief unten den See der Heilung, die Gipfel der heiligen Berge. Sie sieht den Büffel in der weiten Prärie. Sie sieht den wilden Salbeibusch und die dicke Maus darunter. Sie sieht den Wald, durch den sich der breite Fluss wälzt, wo Waschbär die ausgegrabene Wurzel wäscht. Dort unter jenen Bäumen ahnt sie ihre Verwandten, die ihren Mäusegeschäften nachgehen.

Und da drüben, an der seichten Stelle im Fluss, wo sich die weißen Blüten wiegen, sitzt auf einen großen Blatt Frosch Regenmacher und winkt aufgeregt mit seinen Vorderbeinen. Sie hört ihn rufen:

„Jumping Mouse, du hast einen neuen Namen. Dein Name ist jetzt: Adler!“

 

Diese Geschichte haben Christina und ich das erste Mal von Margie Joy Walden gehört. Es ist eine Medizingeschichte aus der Tradition der Ureinwohner Amerikas und es gibt unzählige Fassungen in vielen verschiedenen Sprachen davon. Jeder der sie hört, wird etwas anderes darin finden. Christina hat sie im Laufe der Jahre zu verschiedenen Gelegenheiten in verschiedenen Variationen erzählt, zuletzt bei der Feier zu ihrem siebzigsten Geburtstag im Oktober 2017. Sie hat diese Geschichte nie aufgeschrieben, weil die Kraft einer Medizingeschichte in der mündlichen Weitergabe, zu einer bestimmten Gelegenheit, in einem bestimmten Umfeld liegt. Dessen ungeachtet habe ich mich entschlossen sie so aufzuschreiben, wie ich glaube sie von Christina gehört zu haben, solange ihre Stimme in mir noch nachhallt und für die, welche die Geschichte noch nicht kennen. Möge es von Nutzen sein.